Karlsruhe: 40.000 Euro für Kunst oder Kosmetik?
Seit dem 1. Februar 2026 heißt die Städtische Galerie Karlsruhe offiziell nun Kunstmuseum Karlsruhe. Der Karlsruher Gemeinderat hatte die Umbenennung am 25. November 2025 beschlossen. Nach Angaben der Stadt wurden dafür bis zu 40.000 Euro eingeplant – unter anderem für ein neues Erscheinungsbild, Beschilderungen, Drucksachen, digitale Anpassungen und die Kommunikation rund um den neuen Namen. Marketing eben.
Die Begründung klingt zunächst nachvollziehbar: Die Bezeichnung „Galerie“ werde häufig mit einer kommerziellen Galerie verwechselt. Tatsächlich handle es sich seit jeher um ein Museum mit einer wissenschaftlich betreuten Sammlung von mehr als 20.000 Werken. Der Begriff „Kunstmuseum“ sei international verständlicher, stärke die Wahrnehmung des Hauses und könne Vorteile bei Kooperationen, Leihverkehr und Fördermöglichkeiten bringen. Auch die Positionierung Karlsruhes als Kunst- und Museumsstandort solle dadurch geschärft werden.
Diese Argumente kann man durchaus gelten lassen, wobei renommierte Häuser wie die Neue Nationalgalerie in Berlin oder die Staatsgalerie Stuttgart zeigen, dass der Begriff Galerie keineswegs als Nachteil verstanden werden müsse. Da klappt das auch ohne ein Museum im Namen.
Und: War dafür ausgerechnet jetzt der richtige Zeitpunkt?
Karlsruhe befindet sich in einer der schwierigsten Haushaltslagen der vergangenen Jahre. Die Stadt spricht selbst von einem strukturellen Defizit und einem Sparkurs mit Einsparungen von rund 80 Millionen Euro pro Jahr. Die viel diskutierte „Liste des Grauens“ umfasst fast ca. 400 Sparmaßnahmen. Betroffen sind unter anderem Familien, Kinderbetreuung, Sport, Bäder, Kulturförderung, soziale Einrichtungen, freiwillige Leistungen der Stadt und zahlreiche weitere Bereiche. Über viele dieser Kürzungen wurde monatelang erbittert diskutiert.
Gerade deshalb fällt es mir schwer, diese Priorität nachzuvollziehen.
Ich gönne Karlsruhe jeden einzelnen Euro, der sinnvoll in Kunst und Kultur investiert wird. Eine lebendige Kulturlandschaft macht eine Stadt lebenswerter. Daran besteht für mich überhaupt kein Zweifel.
Aber macht ein neuer Name das Museum tatsächlich bedeutender?
Ich möchte die Arbeit des Hauses ausdrücklich nicht kleinreden. Die ehemalige Städtische Galerie leistet seit vielen Jahren hervorragende Museumsarbeit. Daran ändert sich durch den neuen Namen nichts – im Positiven wie im Negativen. Und genau hier fehlt mir die Verhältnismäßigkeit. Ich erkenne keinen Mehrwert, der diese Ausgaben rechtfertigt. Weder wird dadurch mehr Kunst geschaffen noch eine zusätzliche Ausstellung ermöglicht. Es entsteht kein neues Bildungsangebot, keine Restaurierung, kein Ankauf bedeutender Werke. Es ändert sich in erster Linie die Bezeichnung.
Besonders irritierend fiel mir auch der zeitliche Zusammenhang auf. Am 15. November 2025 versammelten sich mehrere hundert Menschen auf dem Stephanplatz zur Demonstration „Geht’s noch Karlsruhe?“. Kulturschaffende protestierten gegen die massiven Sparpläne der Stadt und warnten eindringlich vor den Folgen für die freie Kulturszene. Viele Einrichtungen sahen ihre Existenz bedroht.
Nur zehn Tage später, am 25. November, beschloss der Gemeinderat die Umbenennung der Städtischen Galerie einschließlich der dafür vorgesehenen Mittel.
Ehrlich? Dieses Nebeneinander hinterlässt bei mir einen schalen Beigeschmack.
Während freie Theater, Vereine und kulturelle Initiativen um ihre Zukunft kämpfen mussten, fand sich Geld für das Rebranding eines städtischen Museums.
Natürlich kann man einwenden, dass 40.000 Euro gemessen am Gesamthaushalt keine große Summe sind. Das stimmt. Auch sei die Umstrukturierung ohne Haushaltsmittel finanziert. Mag sein. Aber dann verteilt diesen anscheind vorhandenen Überschuss an Dinge die der Bevölkerung oder der Stadt als solche nützlich sind.
Während die Stadt an allen Ecken den Rotstift ansetzt, Parkgebühren erhöht, die CityTax eingeführt und inzwischen auch noch erhöht hat, macht das die Stadt Karlsruhe für Besucher nicht attraktiver – im Gegenteil. Wer geschäftlich oder privat unterwegs ist, überlegt sich inzwischen durchaus, ob er fünf Minuten weiter in Ettlingen, Waldbronn oder auf der Pfälzer Rheinseite übernachtet und sich die CityTax spart.
Wer in die Innenstadt möchte, stößt zusätzlich auf Parkgebühren, die viele längst als abschreckend empfinden. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Karlsruhe um Gäste, Kaufkraft und Übernachtungen werben müsste, werden die Hürden höher statt niedriger.
Niemand wird seinen Wochenendausflug nach Karlsruhe buchen, weil auf dem Gebäude künftig „Kunstmuseum Karlsruhe“ statt „Städtische Galerie Karlsruhe“ steht. Kein Tourist wird deshalb länger bleiben, häufiger wiederkommen oder mehr Geld in der Stadt ausgeben. Und die erwünschte internationale Strahlkraft Karlsruhes entsteht durch Einrichtungen wie das ZKM und Veranstaltungen wie die art karlsruhe – nicht dadurch, dass aus einer Städtischen Galerie ein Kunstmuseum wird.
Hätte man dieses Geld lieber dort eingesetzt, wo es tatsächlich etwas bewirken kann: für Familien, für Kinder und Jugendliche, für Kulturangebote, für den Tourismus oder für Projekte, die Menschen nach Karlsruhe ziehen und die Stadtkasse langfristig stärken. Stattdessen werden Eintrittspreise erhöht, Zuschüsse gekürzt, Schwimmbäder teurer und freiwillige Leistungen immer weiter zurückgefahren – mit der Begründung, dass das Geld fehle. Und gleichzeitig leistet sich die Stadt eine Umbenennung eines städtischen Hauses für bis zu 40.000 Euro.
Vielleicht bin ich damit nicht allein. Vielleicht sehen andere das völlig anders. Legitim.
Ich jedenfalls kann diese Prioritätensetzung nicht nachvollziehen.
Aber in Zeiten knapper Kassen geht es nicht nur um Beträge. Es geht auch um Signale. Um Prioritäten. Um Glaubwürdigkeit. Wenn überall gespart werden muss, sollte sich jede Ausgabe daran messen lassen, ob sie den Bürgerinnen und Bürgern oder der Stadt einen spürbaren Mehrwert bringt. Bei dieser Umbenennung sehe ich diesen Mehrwert nicht.
Vielleicht wird sich der neue Name irgendwann tatsächlich auszahlen. Vielleicht eröffnet er neue Kooperationen oder verbessert die internationale Wahrnehmung des Hauses.
Ich würde es Karlsruhe wirklich wünschen.
Zum Zeitpunkt der Entscheidung jedoch wirkte die Umbenennung auf mich weniger wie eine notwendige Investition als vielmehr wie ein Luxus, den eine Stadt in einer finanziellen Ausnahmesituation eigentlich nicht priorisieren sollte.
© Cornelia Kerber, Karlsruhe im März 2026
