Plädoyer für unsere kulturellen Wurzeln

Ein Plädoyer für unsere kulturellen Wurzeln

Am 19. März 2026 sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Grußbotschaft zum Fest des Fastenbrechens:

„Der Ramadan ist ein auch in Deutschland beheimatetes Fest geworden und gehört zum religiösen Leben unseres Landes.“

Lieber Herr Steinmeier,

ich möchte Ihnen widersprechen.

Nicht, weil ich etwas gegen Muslime hätte. Nicht, weil ich AfD wähle. Nicht, weil ich fanatisch oder rassistisch wäre. Im Gegenteil: Ich bin überzeugte Demokratin und Europäerin. Gerade deshalb beschäftigt mich diese Aussage.

Deutschland ist ein freies Land. Menschen aller Religionen sollen hier friedlich leben, ihre Religion ausüben und ihre Feste feiern können. Das ist eine der großen Stärken unseres Landes und ein Grundpfeiler unserer Demokratie.

Aber Religionsfreiheit bedeutet nicht automatisch, dass jede Religion oder jedes religiöse Fest Teil der kulturellen Identität Deutschlands wird.

Unsere Geschichte, unsere Kultur und unsere Traditionen sind über viele Jahrhunderte gewachsen. Sie sind wesentlich vom Christentum geprägt worden – unabhängig davon, dass heute immer mehr Menschen aus den Kirchen austreten. Genau darin liegt für mich die eigentliche Herausforderung.

Nach aktuellen Erhebungen gehören heute nur noch rund 45 Prozent der Bevölkerung einer der beiden großen Kirchen an – etwa 22,5 Prozent der katholischen und 22,5 Prozent der evangelischen Kirche. Rund 47 Prozent der Menschen in Deutschland sind inzwischen konfessionsfrei. Der verbleibende Anteil entfällt auf andere Religionsgemeinschaften. Diese Entwicklung zeigt deutlich, dass unsere traditionellen religiösen Bindungen seit Jahren schwächer werden.

Mit ihnen verschwinden vielerorts auch die Bräuche, Riten, die Generationen vor uns selbstverständlich gelebt haben.

Wo sind sie geblieben?

Der Sommertagsumzug. Das Osterfeuer. Die Kerwe. Der Maibaum. Erntedankfeste. Fronleichnamsprozessionen. Martinsumzüge. Adventssingen. Das gemeinsame Schmücken des Dorfbrunnens zu Ostern. Vieles davon wird seltener, wird nur noch in Dörfern zelebriert oder verschwindet nach und nach gänzlich.

Genau das empfinde ich als Verlust.

Nicht, weil andere Kulturen sichtbar werden. Sondern weil unsere eigene Kultur immer unsichtbarer wird.

Das entstandene Vakuum können wir nicht dadurch schließen, dass wir erklären, andere religiöse Traditionen gehörten nun selbstverständlich zu Deutschland.

Nach Angaben des Mediendienstes Integration sind rund vier bis fünf Prozent der deutschen Staatsbürger muslimischen Glaubens. Weniger als 0,2 Prozent der deutschen Staatsbürger ohne Migrationshintergrund sind Muslime. In absoluten Zahlen wird diese Gruppe – überwiegend Konvertitinnen und Konvertiten – auf lediglich 50.000 bis maximal 100.000 Personen geschätzt. Selbst in Europa insgesamt beträgt der muslimische Bevölkerungsanteil lediglich rund sechs Prozent.

Diese Zahlen dienen nicht dazu, irgendeine Religion abzuwerten. Sie helfen lediglich dabei, Aussagen einzuordnen.

Denn wenn der Ramadan allein deshalb zum religiösen Leben Deutschlands gehören soll, weil ihn Millionen Menschen in Deutschland feiern, müsste man konsequenterweise auch andere Religionsgemeinschaften nennen.

Das Judentum ist nachweislich seit über 1700 Jahren Teil der deutschen Geschichte. Es ist die älteste historisch belegte Religionsgemeinschaft Deutschlands neben dem Christentum. Seine Feste und Traditionen gehören ohne Zweifel zu unserem Land, man erwähnt das ein oder andere auch brav in den Medien um Gemeinschaft zu demonstrieren – dennoch würde wohl kaum jemand behaupten, dass sie heute das religiöse Leben Deutschlands prägen.

Warum also wird ausgerechnet beim Ramadan eine andere Bewertung vorgenommen?

Vielfalt ist eine Bereicherung.

Menschen aller Religionen sollen in Deutschland ihre Heimat finden können. Sie sollen ihre Religion frei leben dürfen und mit Respekt behandelt werden. Daran gibt es für mich keinen Zweifel.

Aber Integration bedeutet auch, sich in eine bestehende Gesellschaft einzufügen.

Wenn wir in ein anderes Land ziehen, erwarten wir selbstverständlich von uns selbst, dessen Gesetze zu achten, seine Sprache zu lernen und seine Lebensweise zu respektieren. Kaum jemand käme auf die Idee zu verlangen, dass sich das Gastland unseren Gewohnheiten anpasst. Warum sollte für Deutschland etwas anderes gelten?

Ich habe zunehmend den Eindruck, dass wir fremden Einflüssen oft mehr Aufmerksamkeit schenken als dem Erhalt unserer eigenen kulturellen Wurzeln. Nicht Gleichwertigkeit scheint häufig das Ziel zu sein, sondern eine besondere Hervorhebung des Neuen – während das Eigene immer selbstverständlicher wird und deshalb verschwindet.

Auch unsere Sprache verändert sich.

Natürlich entwickelt sich Sprache ständig weiter. Das ist normal und gehört zu einer lebendigen Gesellschaft. Aber inzwischen werden deutsche Begriffe immer häufiger durch englische ersetzt, traditionelle Bezeichnungen verschwinden, und unsere Sprache verliert Stück für Stück an Selbstverständlichkeit. Sprache ist weit mehr als ein Mittel zur Verständigung. Sie ist ein Teil unserer Identität. Wenn wir sie leichtfertig aufgeben, verlieren wir ein Stück unserer Kultur.

Auch in gesellschaftlichen Debatten zeigt sich dieser Wandel.

Es wird immer wieder darüber diskutiert, ob Kreuze in Schulen oder öffentlichen Gebäuden noch zeitgemäß seien. Gleichzeitig wird über religiöse Symbole anderer Religionen häufig unter einem ganz anderen Blickwinkel gesprochen. Ebenso wird über Kopftücher für minderjährige Mädchen kontrovers diskutiert – zwischen Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und Kinderschutz. Unabhängig davon, wie man diese Fragen bewertet, entsteht bei vielen Menschen der Eindruck, dass an die eigene Kultur oft strengere Maßstäbe angelegt werden als an andere. Genau dieses Empfinden sollte man ernst nehmen, statt es vorschnell als Intoleranz abzutun.

Fortschritt ist wichtig.

Unsere Gesellschaft entwickelt sich weiter. Das soll sie auch.

Aber die eigene Kultur aufzuweichen ist weder Fortschritt noch Weiterentwicklung. Es ist Verlust.

Wir dürfen andere Kulturen respektieren, ohne unsere eigenen Wurzeln aufzugeben. Wir dürfen offen sein, ohne beliebig zu werden. Wir dürfen tolerant sein, ohne uns selbst zu vergessen.

Deshalb wünsche ich mir ein Deutschland, das offen, frei und tolerant bleibt – das aber ebenso selbstbewusst seine eigenen Traditionen pflegt, seine Bräuche bewahrt und seine kulturelle Identität nicht Schritt für Schritt aufgibt.

Denn eine Gesellschaft verliert nicht ihre Kultur auf einen Schlag. Sie verliert sie langsam – wenn sie aufhört, sie selbst zu leben.

© Cornelia Kerber, Karlsruhe 2026

 


Quellen (Auswahl)