Plädoyer für unsere kulturellen Wurzeln

Ein Plädoyer für unsere kulturellen Wurzeln

Am 19. März 2026 sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Grußbotschaft zum Fest des Fastenbrechens:

„Der Ramadan ist ein auch in Deutschland beheimatetes Fest geworden und gehört zum religiösen Leben unseres Landes.“

Ein offener Brief an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Lieber Herr Steinmeier,

ich kann das so nicht stehen lassen. Es ist halb. Es schürt.

Wie Sie am 20. Mai 2026 in Berlin sagten: „Demokratie braucht Menschen, die sich für sie einsetzen“, und am 18. Mai 2026 in Dorsten: „Demokratie braucht Menschen, die sich einbringen.“ – dem stimme ich uneingeschränkt zu; doch auch unsere Kultur braucht Menschen, die sich für ihren Erhalt und ihre Weitergabe engagieren.

Der Ramadan darf in Deutschland gefeiert werden und ist Ausdruck gelebter Religionsfreiheit. Wenn er als Teil des „religiösen Lebens unseres Landes“ bezeichnet wird, verstehe ich das als Beschreibung gesellschaftlicher Realität, aber nicht als Aussage darüber, dass sich dadurch die kulturelle Identität Deutschlands verändert oder verändern muss.
Genau diese Unterscheidung erwarte ich aber auch im öffentlichen Kontext: dass Vielfalt selbstverständlich anerkannt wird, ohne sie automatisch mit einer Verschiebung der kulturellen Prägung gleichzusetzen. Das muss klar und unmissverständlich benannt werden, damit keine Missverständnisse entstehen und daraus keine Angriffsfläche für weitere gesellschaftliche Zuspitzungen oder für politische Strömungen entstehen, die demokratische Grundwerte in Frage stellen und damit die gesellschaftliche Spaltung noch weiter anheizen.

Nicht, weil ich etwas gegen Muslime hätte. Nicht, weil ich AfD wähle. Nicht, weil ich fanatisch oder rassistisch wäre. Im Gegenteil: Ich bin überzeugte Demokratin und Europäerin und dafür stehe ich auch ein.
Während der Flüchtlingsbewegung ab 2015 habe ich mich selbst ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert und unter anderem Deutschunterricht gegeben, weil mir eine Willkommenskultur und ein respektvolles Miteinander wichtig sind.
Mir geht es dabei nicht darum, Menschen ihren Glauben oder ihre Feste abzusprechen, nein, jeder soll seine Religion frei leben können. Es geht mir auch nicht um den Ramadan, Menschen muslimischen Glaubens gehören selbstverständlich zu unserer Gesellschaft.
Es geht um die (unvollendete) Aussage, der Ramadan gehöre zu unserem religiösen Leben.
Was ich kritisch sehe ist, dass religiöse Feste, die historisch nicht aus unserer Kultur hervorgegangen sind, als selbstverständlicher Bestandteil unserer Kultur bezeichnet werden.
Integration beruht auf gegenseitigem Respekt und dazu gehört für mich ebenso die selbstverständliche Wertschätzung der Kultur, der Traditionen und der Werte des Landes, das zur neuen Heimat wird.
Zwischen Religionsfreiheit und kultureller Prägung besteht für mich ein wesentlicher Unterschied.

Gerade deshalb beschäftigt mich Ihre Aussage, sie kann zur Missdeutung führen.

Deutschland ist ein freies Land. Menschen aller Religionen sollen hier friedlich leben, ihre Religion ausüben und ihre Feste feiern können. Das ist eine der großen Stärken unseres Landes und ein Grundpfeiler unserer Demokratie.

Aber Religionsfreiheit bedeutet nicht automatisch, dass jede Religion oder deren religiöse Feste Teil der kulturellen Identität Deutschlands wird.

Unsere Geschichte, unsere Kultur und unsere Traditionen sind über viele Jahrhunderte gewachsen. Sie sind wesentlich vom Christentum geprägt worden – unabhängig davon, dass heute immer mehr Menschen aus den Kirchen austreten. Genau darin liegt für mich die eigentliche Herausforderung.
Nach aktuellen Erhebungen gehören heute nur noch rund 45 Prozent der Bevölkerung einer der beiden großen Kirchen an – etwa 22,5 Prozent der katholischen und 22,5 Prozent der evangelischen Kirche. Rund 47 Prozent der Menschen in Deutschland sind inzwischen konfessionsfrei. Der verbleibende Anteil entfällt auf andere Religionsgemeinschaften. Diese Entwicklung zeigt deutlich, dass unsere traditionellen religiösen Bindungen seit Jahren schwächer werden.
Mit ihnen verschwinden vielerorts auch Bräuche und Rituale, die Generationen vor uns ganz selbstverständlich gelebt haben. Diese gilt es zu bewahren und zu fördern – nicht, sie nach und nach in Vergessenheit geraten zu lassen.
Denn, wo sind sie geblieben? Der Sommertagsumzug. Das Osterfeuer. Die Kerwe. Der Maibaum. Mittelaltermärkte. Erntedankfeste. Fronleichnamsprozessionen. Martinsumzüge. Adventssingen. Der stille Karfreitag ohne Musik und mit Fischstäbchen und Kartoffelsalat. Das gemeinsame Schmücken des Dorfbrunnens zu Ostern.
Vieles davon findet nur noch vereinzelt statt, manches nur noch in überschaubaren Dörfern, anderes verschwindet langsam ganz.
Ja, viele dieser Bräuche haben einen christlichen Ursprung. Doch sie werden längst auch von konfessionslosen Menschen gepflegt, weil sie Teil unserer kulturellen Identität sind.
Fördern Sie deren Weiterleben! Fördern Sie deren Erhalt!

Einerseits bedauern wir den Identitätsverlust indigener Völker auf der ganzen Welt. Wir drehen Dokumentationen über ihre Traditionen, weil wir erkennen, wie wertvoll kulturelles Erbe ist. Gleichzeitig lassen wir zu, dass das eigene kulturelle Erbe immer mehr verblasst.

Genau das empfinde ich als Verlust.

Nicht, weil andere Kulturen sichtbar werden. Sondern weil unsere eigene Kultur immer unsichtbarer wird.

Das entstandene Vakuum können wir nicht dadurch schließen, dass wir erklären, andere religiöse Traditionen gehörten nun selbstverständlich zu Deutschland.

Nach Angaben des Mediendienstes Integration sind rund vier bis fünf Prozent der deutschen Staatsbürger muslimischen Glaubens. Weniger als 0,2 Prozent der deutschen Staatsbürger ohne Migrationshintergrund sind Muslime. In absoluten Zahlen wird diese Gruppe – überwiegend Konvertitinnen und Konvertiten – auf lediglich 50.000 bis maximal 100.000 Personen geschätzt. Selbst in Europa insgesamt beträgt der muslimische Bevölkerungsanteil lediglich rund sechs Prozent.

Diese Zahlen dienen nicht dazu, irgendeine Religion abzuwerten. Sie helfen lediglich dabei, Aussagen einzuordnen.

Denn wenn der Ramadan allein deshalb zum religiösen Leben Deutschlands gehören soll, weil ihn Millionen Menschen in Deutschland feiern, müsste man konsequenterweise auch andere Religionsgemeinschaften nennen.

Das Judentum ist nachweislich seit über 1700 Jahren Teil der deutschen Geschichte. Es ist die älteste historisch belegte Religionsgemeinschaft Deutschlands neben dem Christentum. Seine Feste und Traditionen gehören ohne Zweifel zu unserem Land, man erwähnt das ein oder andere auch brav in den Medien um Gemeinschaft zu demonstrieren – dennoch würde wohl kaum jemand behaupten, dass sie heute das religiöse Leben Deutschlands prägen.

Warum also wird ausgerechnet beim Ramadan eine andere Bewertung vorgenommen?

Vielfalt ist eine Bereicherung.

Menschen aller Religionen sollen in Deutschland ihre Heimat finden können. Sie sollen ihre Religion frei leben dürfen und mit Respekt behandelt werden. Daran gibt es für mich keinen Zweifel.

Aber Integration bedeutet auch, sich in eine bestehende Gesellschaft einzufügen.

Wenn wir in ein anderes Land ziehen, erwarten wir selbstverständlich von uns selbst, dessen Gesetze zu achten, seine Sprache zu lernen und seine Lebensweise zu respektieren. Kaum jemand käme auf die Idee zu verlangen, dass sich das Gastland unseren Gewohnheiten anpasst. Warum sollte für Deutschland etwas anderes gelten?

Ich habe zunehmend den Eindruck, dass wir fremden Einflüssen oft mehr Aufmerksamkeit schenken als dem Erhalt unserer eigenen kulturellen Wurzeln. Nicht Gleichwertigkeit scheint häufig das Ziel zu sein, sondern eine besondere Hervorhebung des Neuen – während das Eigene immer selbstverständlicher wird und deshalb verschwindet.

Auch unsere Sprache verändert sich.

Natürlich entwickelt sich Sprache ständig weiter. Das ist normal und gehört zu einer lebendigen Gesellschaft. Aber inzwischen werden deutsche Begriffe immer häufiger durch englische ersetzt, traditionelle Bezeichnungen verschwinden, und unsere Sprache verliert Stück für Stück an Selbstverständlichkeit. Sprache ist weit mehr als ein Mittel zur Verständigung. Sie ist ein Teil unserer Identität. Wenn wir sie leichtfertig aufgeben, verlieren wir ein Stück unserer Kultur.

Auch in gesellschaftlichen Debatten zeigt sich dieser Wandel.

Es wird immer wieder darüber diskutiert, ob Kreuze in Schulen oder öffentlichen Gebäuden noch zeitgemäß seien. Gleichzeitig wird über religiöse Symbole anderer Religionen häufig unter einem ganz anderen Blickwinkel gesprochen. Ebenso wird über Kopftücher für minderjährige Mädchen kontrovers diskutiert – zwischen Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und Kinderschutz. Unabhängig davon, wie man diese Fragen bewertet, entsteht bei vielen Menschen der Eindruck, dass an die eigene Kultur oft strengere Maßstäbe angelegt werden als an andere. Genau dieses Empfinden sollte man ernst nehmen, statt es vorschnell als Intoleranz abzutun.

Fortschritt ist wichtig.

Unsere Gesellschaft entwickelt sich weiter. Das soll sie auch.

Aber die eigene Kultur aufzuweichen ist weder Fortschritt noch Weiterentwicklung. Es ist Verlust.

Wir dürfen andere Kulturen respektieren, ohne unsere eigenen Wurzeln aufzugeben. Wir dürfen offen sein, ohne beliebig zu werden. Wir dürfen tolerant sein, ohne uns selbst zu vergessen.

Deshalb wünsche ich mir ein Deutschland, das offen, frei und tolerant bleibt – das aber ebenso selbstbewusst seine eigenen Traditionen pflegt, seine Bräuche bewahrt und seine kulturelle Identität nicht Schritt für Schritt aufgibt.

Denn eine Gesellschaft verliert nicht ihre Kultur auf einen Schlag. Sie verliert sie langsam – wenn sie aufhört, sie selbst zu leben.

© Cornelia Kerber, Karlsruhe 2026

Quellen (Auswahl)

Nachtrag (27. Juni 2026)

Bislang erhielt ich keine Antwort auf mein Schreiben. Als ich heute jedoch die Reden des Bundespräsidenten auf der offiziellen Internetseite erneut aufrufen wollte, fiel mir auf, dass die Grußbotschaft zum Fest des Fastenbrechens vom 19. März 2026 dort – anders als zuvor – in der chronologischen Übersicht der Reden nicht mehr aufgeführt ist.

Ob dies mit meinem offenen Brief in irgendeinem Zusammenhang steht oder ganz andere Gründe hat, weiß ich selbstverständlich nicht. Sollte mein Schreiben jedoch auch nur ein kleiner Denkanstoß gewesen sein, würde mich das freuen. Nicht, weil es darum ginge, Recht zu behalten, sondern weil es zeigen würde dass unterschiedliche Sichtweisen wahrgenommen und in die eigene Kommunikation einbezogen werden. Genau das macht eine demokratische Gesprächskultur aus.

(Liste der chronologisch angelegten Reden des Bundespräsidenten: https://www.bundespraesident.de/SiteGlobals/Forms/Suche/Aktuellessuche/Aktuellessuche_Formular.html?nn=129722&documentType_=speech&person_str=frankwaltersteinmeier&pageLocale=de)