Persönlicher Eindruck ▪ offener Brief ▪ Stille
Am 23. Juni 2026 habe ich meine Gedanken zur Entwicklung der Karlsruher Innenstadt in einem offenen Brief an das Stadtplanungsamt als auch an das Amt für Stadtentwicklung geschickt.
Darin habe ich nicht nur beschrieben was mir in unserer Innenstadt auffällt, sondern ganz konkret Beispiele genannt und Vorschläge gemacht, was aus meiner Sicht anders oder besser werden könnte. Nur einige Ideen, ein Anreiz.
Seitdem ist es still geblieben. Eine Reaktion kam bislang nicht.
Das bedeutet für mich allerdings nicht dass ich meinen Brief einfach abhake. Im Gegenteil: Ich habe mir mit diesem „Offenen Brief“ die Mühe gemacht meine Stadt einmal mit einem Blick von außen auf das zu betrachten, was innerhalb von Papiermühlen, Planungen und Zuständigkeiten vielleicht manchmal weniger sichtbar ist.
Und ich finde, ich bin es Karlsruhe schuldig, meinen Teil dazu beizutragen, dass diese Stadt wieder attraktiver wird. Dazu gehört für mich, hinzuschauen, Dinge anzusprechen, aufzuzeigen, wo es aus meiner Sicht Verbesserungsbedarf gibt, und Ideen einzubringen. Denn ich möchte nicht einfach hinnehmen dass es bleibt wie es ist. Karlsruhe kann mehr. Es muss sich was tun!
Ich möchte Karlsruhe nicht aufgeben. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass die Innenstadt wieder mehr Menschen anzieht, dass sie gerne dort bleiben und dass wir stolz darauf sein können, wie sich unsere Stadt präsentiert. Deshalb werde ich weiter hinschauen, weiter nachdenken und auch weiterhin ansprechen, was mir auffällt.
Anlass für meine heutige Veröffentlichung ist ein Foto, das ich gestern in den sozialen Medien gesehen habe: Ein Oleanderkübel in der Karlsruher Fußgängerzone, vorgestellt als ein schöner Farbtupfer in der Innenstadt. Und ja, es ist schön dass die Stadt damit Farbe in das derzeit eher triste Stadtbild bringen möchte. Aber einzelne Oleanderkübel bleiben eben einzelne Oleanderkübel. Sie müssen herangeschafft, aufgestellt, gepflegt, regelmäßig und gerade im Sommer mit viel Wasser versorgt und irgendwann wieder weggeräumt werden. Das ist eine schöne, aber letztlich nur vorübergehende Retusche und kein Ersatz für eine wirkliche Begrünung.
Denn ein Oleanderkübel spendet keinen Schatten. Er kann auch nicht die vielen flachwurzelnden Bäume ersetzen, die unserer Innenstadt fehlen und die über Jahrzehnte hinweg Schatten spenden, das Stadtklima verbessern, ganzjährig präsent sind und ökologisch sehr viel nachhaltiger wirken. Gerade in einer Zeit, in der die Wasserknappheit immer deutlicher spürbar wird und selbst große Flüsse wie Rhein und Donau immer wieder erschreckend wenig Wasser führen frage ich mich wie sinnvoll es ist, große Mengen Wasser in einzelne Kübel zu investieren, wenn gleichzeitig dauerhaftes Stadtgrün fehlt das mit wesentlich weniger Nass auskommen würde.
Ich finde einzelne Oleander in der Fußgängerzone schön: aber als Ergänzung zu einer wirklich grünen Innenstadt, nicht als Ersatz dafür.
Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb ich meinen Brief heute hier veröffentliche: weil ich nicht einfach stillhalte, nur weil keine Reaktion darauf gekommen ist. Sondern weil ich mir weiterhin Gedanken darüber mache, was unserer Stadt guttun könnte und wie ich dazu beitragen kann, dass Karlsruhe attraktiver wird.
Und 2029 sind die World Games hier in Karlsruhe. Dann blickt die ganze Welt auf unsere Stadt. Es wird Zeit, das anzupacken!
➡️ Hier mein offener Brief vom 23. Juni 2026:
Sehr geehrte Damen und Herren des Amtes für Stadtentwicklung sowie des Stadtplanungsamtes,
ich wohne in Karlsruhe-(meinen Ortsteil habe ich erwähnt) und war heute nach einigen Wochen wieder einmal ganz bewusst in der Karlsruher Innenstadt unterwegs. Nicht, weil ich etwas Bestimmtes kaufen musste, sondern weil ich mit Bekannten bummeln, durch die Fußgängerzone schlendern und vielleicht irgendwo gemütlich einen Kaffee trinken wollte.
Was ich erlebt habe, hat mich tief traurig gemacht.
Und ehrlich gesagt habe ich mich geschämt.
Geschämt für meine Stadt.
Ich habe mich dabei ertappt, dass ich meinen Bekannten die Karlsruher Innenstadt gar nicht mehr zeigen wollte. Früher war ich gerne dort. Heute verlässt man sie mit dem Gefühl, dass etwas verloren gegangen ist.
Die Kaiserstraße wirkt auf weiten Strecken trostlos. Leerstehende Geschäfte wechseln sich mit Baustellen ab, dazwischen reiht sich ein Barber- oder Handygeschäft an das nächste, dazu Fastfood und Dönerläden. Klassische Modegeschäfte muss man inzwischen suchen. Wieder schließen traditionsreiche Häuser – der Schirm Weinig, die schöne alte Eck-Apotheke daneben, viele weitere sind längst verschwunden. Selbst die Nordsee gibt es nicht mehr.
Besonders erschreckend war heute die Atmosphäre.
Der dunkle Asphalt reflektierte die Hitze derart, dass ein gemütlicher Einkaufsbummel kaum möglich war. Rund um den Marktplatz zeigt sich im Sommer sehr deutlich, welche Folgen eine weitgehend versiegelte Fläche hat.
Die Betonflächen heizen sich enorm auf. Schatten gibt es kaum. Die Metallstühle, die eigentlich zum Verweilen einladen sollen, waren durch die Sonneneinstrahlung praktisch unbenutzbar, völlig heiß. Einige haben auch schon sichtbare Rostflecken, dabei sind sie realtiv neu.
Natürlich ist mir aufgefallen, dass inzwischen einige junge Bäume gepflanzt wurden. Das begrüße ich ausdrücklich. Aber sie können auf Jahre hinaus weder Schatten noch Aufenthaltsqualität schaffen.
Einzelne Blumenkübel engagierter Geschäfte bringen zwar etwas Farbe in die Straße, sie können jedoch nicht ersetzen, was einer Innenstadt insgesamt fehlt: Grün, Atmosphäre und Aufenthaltsqualität.
Noch trauriger finde ich, dass es kaum noch Cafés gibt, in denen man gerne verweilt. Früher saß man beispielsweise im Café Böckeler am Marktplatz. Heute findet man überwiegend Bäckereiketten oder kleine Eisdielen mit einigen wenigen Sitzplätzen – und das auch nur im Sommer. Eine Innenstadt lebt aber davon, dass Menschen bleiben möchten, nicht nur hindurchlaufen.
Als die Stadt Karlsruhe die Bürgerinnen und Bürger vor zwei/drei Jahren ausdrücklich um Ideen für die Neugestaltung der Kaiserstraße bat, habe ich mir die Zeit genommen, meine Vorschläge einzubringen. Ich habe das gerne getan, weil ich überzeugt war und bis heute bin, dass eine Innenstadt nur dann lebt, wenn sie für alle Generationen attraktiv ist.
Ein Punkt lag mir dabei besonders am Herzen: die Familien und vor allem die Kinder.
Heute gibt es für Kinder in der Fußgängerzone praktisch keinen Anreiz, überhaupt mitzukommen. Im Hochsommer bleibt ihnen im Grunde nur der bodenbündige Wasserspielbereich vor der Pyramide. Das war es dann auch schon. (Entschuldigung, den kleinen „Spielplatz“ an der Alten Bank habe ich vergessen aufzuzählen, aber dieser ist nur bedingt bespielbar und für kleine Kinder nicht wirklich geeignet.)
Dabei könnte man mit vergleichsweise einfachen Mitteln so viel mehr erreichen. Mein Vorschlag damals war, entlang der Kaiserstraße etwa alle 100 Meter ein kleines Spielangebot zu schaffen – mal auf der rechten, mal auf der linken Seite. Keine großen Spielplätze, sondern liebevoll verteilte Elemente, die Kinder immer wieder zum Entdecken einladen: eine Wippe, ein Schaukelpferdchen, ein kleines Karussell, eine Rutsche, Kletter- und Balancierelemente, Turn- und Reckstangen, ein Balancierbalken, Federwipptiere oder sogar eine kurze Seilbahn. Ergänzend könnten Hüpfspiele oder andere Bewegungsparcours einfach dauerhaft aufgemalt werden. Warum nicht sogar einen großen beschatteten Sandkasten mit festem Spielgerät mitten in der Innenstadt schaffen, umgeben von Bänken, auf denen Eltern und Großeltern entspannt sitzen können? Solch ein Sandkasten war beispielsweise auch auf dem Messplatz bei der letzten Kirmes vorhanden und wurde rege und dankbar angenommen.
Doch, nichts davon ist da. Kinder willkommen? Dabei sollte auch an Inklusion von Anfang an gedacht werden. Viele Spielangebote lassen sich problemlos so gestalten, dass sie für möglichst viele Kinder nutzbar sind. Jedes Kind willkommen und auch jedes Alter.
Meine eigenen Kinder wollten schon früher nicht besonders gerne in die Innenstadt – und meine Enkel möchten heute ebenfalls lieber woanders hin. Es ist ihnen schlicht zu langweilig. Und wenn Kinder nicht gerne in die Stadt gehen, bleiben auch Eltern und Großeltern seltener dort. Dabei würde eine familienfreundliche Fußgängerzone nicht nur den Karlsruher Familien zugutekommen, sondern auch den Gästen und Touristen unserer Stadt. Eine Innenstadt, in der Kinder lachen, spielen und entdecken können, wirkt automatisch lebendiger, freundlicher und einladender – für alle Generationen.
Immer häufiger höre ich inzwischen von Menschen aus meinem Umfeld, lese in den sozialen Medien, dass die Menschen lieber nach Ettlingen oder nach Durlach fahren. Dort empfindet man die Innenstädte inzwischen als deutlich attraktiver.
Dass ich diesen Satz einmal schreiben würde, hätte ich selbst nie gedacht. Die Durlacher Innenstadt wirkt heute stellenweise lebendiger als die Karlsruher Kaiserstraße – und dort fährt sogar immer noch die Straßenbahn mitten hindurch.
Hinzu kommen weitere Entwicklungen, die das Bild abrunden: ein geschlossenes Schloss, eine seit Jahren geschlossene Kunsthalle – beides mitten im Herzen der Stadt.
Auf der Internetseite „Karlsruhe erleben“ wird die Kaiserstraße als zentrale Haupteinkaufsmeile beschrieben, mit einer breiten Vielfalt an Einzelhandelsgeschäften, internationalen Marken sowie Cafés und Restaurants.
Ich frage mich ehrlich: Welche Kaiserstraße ist dort gemeint?
Welcher Tourist soll nach Karlsruhe kommen, wenn die Innenstadt so wenig Aufenthaltsqualität bietet? Gleichzeitig bezahlen Gäste der Karlsruher Hotels inzwischen auch noch neuerdings eine CityTax, während Nachbarstädte wie Ettlingen, Waldbronn, Rheinstetten oder einfach über die Rheinbrücke in die Pfalz fahrend keine solche Abgabe erheben und vielerorts ein deutlich attraktiveres Stadtbild bieten.
Ich möchte ausdrücklich betonen, dass es mir nicht darum geht, Menschen oder bestimmte Bevölkerungsgruppen schlechtzureden. Ich war viele Jahre ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig, engagiere mich bis heute regelmäßig und unentgeltlich in Ehrenämtern. Ich bin überzeugte Demokratin, stolze Europäerin und schätze kulturelle als auch gesellschaftliche Vielfalt und Diversität.
Aber Vielfalt bedeutet auch Vielfalt im Einzelhandel, in der Gastronomie, im Stadtbild und im Publikum.
Ich möchte Sie deshalb zu etwas einladen.
Fahren Sie nicht mit dem Auto direkt ins Rathaus. Steigen Sie auch nicht an der nächstgelegenen Haltestelle aus. Nehmen Sie sich stattdessen einmal zwei Stunden Zeit und laufen Sie ganz bewusst die Kaiserstraße entlang – vom Europaplatz bis zum Kronenplatz. Nicht morgens früh. Nicht während eines Termins. Sondern an einem normalen Einkaufsnachmittag, wenn eigentlich Einheimische und Gäste durch die Innenstadt flanieren sollten.
Schauen Sie sich in Ruhe um.
Setzen Sie sich auf die Bänke oder Stühle.
Suchen Sie Schatten.
Suchen Sie ein schönes Café mit ihrem Partner/Partnerin.
Und beobachten Sie, wer dort unterwegs ist und wie lange Menschen tatsächlich bleiben.
Vielleicht erleben Sie dann dieselbe Ernüchterung, die ich heute empfunden habe.
Karlsruhe hat so viel Potenzial. Gerade deshalb schmerzt es, die Entwicklung der Innenstadt mit ansehen zu müssen.
Ich wünsche mir sehr, dass dieser Brief nicht als bloße Kritik verstanden wird, sondern als ehrliche Rückmeldung einer Bürgerin, die sich wünscht, auf ihre Stadt wieder mit Freude und auch ein wenig Stolz blicken zu können.
Mit freundlichen Grüßen
Cornelia Kerber
