Mein einschlafender Kollege

Es wird spät? Es ist ein Immer. Die Augen meines Gegenüber beginnen in wahllosem Zucken einem immer rascher werdendes Blinzeln zu weichen.

Die Augenhöhlen sich immer tiefer den Konturen des Gesichtes anpassend, verfärbt sich ihr Rand zunehmend in die dunklen Tiefen der Müdigkeit.

Achtsam und bedächtig werden mit gelber Farbe immer wieder gleiche Stellen markiert, in Zeitlupe blätternd den Ordner, welcher seit Stunden vor ihm liegt – beginnt er nun, der Ablenkung fördernd, einen Schluck Wasser zu sich zu nehmen. Erfrischung? Labsal? Ich rätsle.

Ein Trugschluss…

Wieder blätternd im Ordner, den gelben Stift haltend die gleichen Seiten immerwährend ansehend. Ich bin mit Staunen beschäftigt.

Jetzt beginnt es wohl zu brennen: sich letzter Kraft beraubend hebt er eine Hand um sie zu reiben – die müden Sehenden.

Zweifelsohne, ein schweres Schicksal.

Als ob seine Hände der schweren Arbeit anheimelnd schmerzen, greift er immerzu an seine Handgelenke um diese mit massierenden Bewegungen zu entlasten.

Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.

Während sich morgens die Grafik seines Bildschirms für Stunden in Starre zeigt, ist es mittags der Ordner der seine ganze Aufmerksamkeit beansprucht.

Ich sehe es……..der gelbe Stift, die gleiche Seite…….blätternd immerzu…..

Nun bin ich müde…….ich!

© Cornelia Kerber, Eindrücke, beginnend in den Morgenstunden des 22.02.2011. Wahr!

ℹ️ Er saß mir eine Zeit lang gegenüber, als ich noch im Anlagenbau tätig war. Damals „Project and Sales Engineer“, ist er heute als „wissenschaftlicher Mitarbeiter mit akademischem Abschluss“ am KIT . Es handelte sich dabei nicht um eine Momentaufnahme sondern um regelmäßig erlebte Realität. Ich arbeitete gerne – und fand das zum Kotzen.

Kleines Suchbild: Wer findet den Kollegen, der für diese Anekdote Modell stand? Kleiner Tipp: Für einen Studenten vermeintlich ein bisschen zu alt, für Berufserfahrung zu jung und zu schläfrig. Keine Sorge: Wir Männer aus dem Vertrieb waren nicht alle so. Die anderen waren dafür doppelt fleißig und ich hatte mit ihnen wirklich die besten Kollegen der Welt.